Brausepulver

[Ausatmer]
Ich kenne das Gefühl,
von prickelndem Verliebtsein,
wie Sprudelwasser, so intensiv,
manchmal fast ein bisschen zu viel.

Das zum Bersten mit Glück gefüllt sein,
überfüllt,
so voll mit den prickelnden Gefühlen,
dass es jeden Moment überschwappt.

All der Übermut, die Euphorie,
die plötzlich-neuerweckte Freude,
die massenhaft freigesetzte Energie!
Motivation! Lust! Zuversicht!

Ich kenne auch das mulmige Gefühl,
bei dem Wissen, dass das Glas fragil ist,
dass diese Verrücktheit nicht anhält,
dass ich keine Kontrolle über mich habe.

Die Angst vor dem,
was passieren könnte,
wenn das Wasser verdunstet,
oder das Glas zerbricht.

Aber die Scherben scheinen ganz weit weg.

So weit weg, dass ich keine Gedanken an sie verschwende,
mich viel lieber treiben lasse,
auf den sprudelnden Bedürfnissen,
Gefühlen von Zuneigung,
Zuneigung, Zuneigung, ganz viel Zuneigung!

Ich kenne aber auch,
diese leicht beschämte Zurückhaltung,
das befremdete Beobachten,
meiner selbst.

Das leise Nagen im Hinterkopf,
das Gefühl, dass etwas nicht so ganz richtig ist,
an der Art der Gedanken,
dem Verhalten, den Gefühlen.

Den Gefühlen, die mir so natürlich
intuitiv, einfach da,
in mir, aus mir heraus
erscheinen.

Etwas an dem Sprudeln und Prickeln,
an dem nicht aufhören können zu Lachen,
nicht aufhören können an ihn zu denken,
nicht aufhören können über ihn zu reden,
nicht aufhören können ihn sehen zu wollen,
fühlt sich gefährlich an.

Etwas, das mir egal ist,
solange die Kohlensäure in mir prickelt.
Etwas, das mir Sorgen bereitet,
wenn ich es bei Freundinnen* sehe.

Es scheint mir ein zu dünnes und zu oft betretenes Eis,
den Schmerz,
der in unserer Gesellschaft, unserer Kultur
mit Liebe verbunden wird,
zu romantisieren.

Es scheint mir eine inakzeptable Akzeptanz,
die Abhängigkeit,
Macht der potentiellen Zerstörung,
als Teil einer Beziehung anzusehen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass sie uns in Ketten legt.

Es scheint mir ein unerhörter lauter Ruf,
dass es sich befremdlich anfühlt,
in kitschige Rollen zu verfallen,
dass Romantik trügerisch erscheint.

Wir dürfen nicht vergessen, dass sie zu unserer Unterdrückung beiträgt.

Ich weiß, dass all das Flattern und Kitzeln
und Pumpen und Verlangen
da ist,
dass es kommt und mich überwältigen kann.

Aber ich weiß auch, dass diese intensive Bindung
nur in einer Gesellschaft nötig ist,
in der die Menschen so individualisiert sind,
die Gemeinschaft so gesprengt,
dass keine Sicherheit mehr aus ihr gezogen werden kann,
und stattdessen ein Partner all das ersetzen muss;
Stabilität, Sinn, Sicherheit,
Vertrauen, Wertschätzung, Zugehörigkeit.

Ich weiß, dass die fanatische Fokussierung auf eine Person,
auf einen cis-männlichen Freund,
es behindert Gemeinschaft zu gründen,
mich mit Freundinnen* zu verbünden.

Ich weiß, dass mein Verhalten,
meine Auffassung von Beziehungen,
mein Empfinden für Normalität
gesellschaftlich geprägt sind.

Geprägt von einer Gesellschaft,
die darauf aufgebaut ist Menschen zu kategorisieren,
zu bewerten und auszugrenzen,
zu unterdrücken und auszubeuten.

Ich kann ihr nicht vertrauen.
Ich kann meiner Sozialisierung nicht trauen.
Ich muss misstrauisch sein.
Ich muss radikal denken.

Nur fällt dies schwer,
wenn die Welt rosa leuchtet,
Sorglosigkeit mich von Zweifeln löst
und sich die Aufregung doch so gut anfühlt.

Dafür haben wir einander.

Dafür dürfen wir unsere Schlafzimmertüren nicht versperren,
sondern miteinander reden,
uns unterstützen beim Kritisieren und Reflektieren,
uns auf mulmige Gefühle hinweisen,
uns gegenseitig davor beschützen,
in tausend gleißende Brausepulverstückchen zerstäubt zu werden.

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