Ich bin heute morgen aufgestanden, obwohl ich mit den dringlichen Worten „Ich übertrachte, gute Nacht“ erwachte. Ich bin aufgestanden, obwohl die Augen meiner Oma noch geschlossen waren, obwohl sie auch im Traum keine offenen Augen hatte. Ich bin aufgestanden und haben Kamillentee gekocht und meine Traummutter raunte mir zu: ist das denken allgemein, wird es wohl erwachsen sein.
Im Traum wusste ich wohl auch, wie das zu verstehen war. Beim Kamillenteekochen nicht mehr.
Meine Oma hängt in meinem Zimmer an der Wand. Von der Wand hinab umarmen ihre ausgeschnittenen Papierfinger den leeren Luftraum der sich zwischen Kissen, Kopf und Küssen spannt. Mein Bett ist auf dem Boden. Um ihr Handgelenk herum hat sie ihre Uhr gemalt, von beiden Seiten und ihren Ehering trägt sie auch. Es ist der eingewachsene Ring, seit nun zwanzig Jahren kann sie frei atmen.
Mein Bett liegt auf dem Boden, und ich liege darauf, mit dem Kopfrücken zur Wand, die heiße Teetasse auf der Brust und meine Augen schielen hoch zu meiner Papieroma, die ihr Fingerpapier nach mir ausstreckt.
Es hat lange gebraucht, bis ihre Karte mich erreicht hat. Zweimal wurde sie zurückgeschickt. Und dreimal hat meine Oma sie zur Post gebracht. Wie ein eigenes inneres Mantra, es kann und wird werden.

