Zu wahr, um nicht schön zu sein

Kennst du das, dass du manchmal Erinnerungen oder Tatsachen über dich nicht ganz so gerade darstellst? Nicht direkt lügst, aber lieber hier und da Windungen integrierst oder einfach Dinge auslasst, deren Präsenz dir jedoch nur allzu bewusst ist. Wenn du dich nicht traust einfach geradeaus zu gehen? Lieber Umwege nimmst. Um dein Zuspätkommen, dein Tun, dein Leben zu rechtfertigen, zu entschuldigen. Rechtfertigen, wofür? Entschuldigen, warum? Bei wem überhaubt? Bei dir selbst vielleicht? Warum rechtfertigst du dich vor dir selbst?
Dem Menschen, der du warst. Deinem Selbst, zu dem du geworden bist.


In diesem allzu tragischem Roman von Liebe und Schicksal im Leben zweier krebskranker Menschen steht geschreiben:
„Menschliches berührt die Menschen.“
Ja, kranke Menschen berühren Menschen. Weil kranke Menschen plötzlich menschlich sein dürfen. Ihr Leiden wurde ihnen diagnostiziert. Die Wahrscheinlichkeit ihres Ablebens ist berechenbar. Ihre Rechtfertigung ist nachschlagbar. Es ist faktisch bestätigt.
Vor allem wenn sie dem Tod so nahe gerückt zu sein scheinen. Aber sind wir das nicht alle, nahe am Tod?
Wir sind zitrige Existenzen, die zu unbestimmter Zeit in sich zusammen sinken werden. Stöhnend oder sanft seufzend. Erlöst oder, sich nostalgisch zurück blickend, hingebend. Im Leben stehts erpicht die Fassung zu halten, damit niemand das Zittern bemerkt. Wir zitttern.
Zittern?!
Im Innern wirst du hin und her geworfen von den Wogen des Lebens. Ist es das Leben, oder bist du nicht vielleicht selbst die Wiegende Person? Und wirst du geworfen oder wirfst du dich? Wie im Tanz, als seist du dann und wann nur aus dem Rhythmus gekommen.
Im Herzen anderer Menschen ist es auch dunkel, manchmal schwarz, ständig grau. Oder die Farbe vom Nichts. Doch ein Flüstern von Menschlichkeit, würde in jeder Herzkammer wiederhallen, das Echo tiefen Mitgefühls das Nichts als etwas enthüllen.
Und vielleicht trifft der Schall auf Resonanz. Und der Rauch auf Relevanz. So wie es vielleicht die Worte der krebskranken Kinder in diesen Geschichten tun. Ihr Reden scheint so weise, als hätte der Tumor ihnen den Sinn des Lebens verraten oder doch zumindest den des Mensch-seins. Sie scheinen dem Tod gefasst ohne jegliches Zittern gegenüber zu stehen. Möglicherweise ist es die Weisheit zu der du gelangst, wenn du dich deinem Schicksal stelltst, ja dich ihm hingibst im Wissen, dass es bestimmt ist.
Und wie ich im Walt der Worte meinen Baum nicht mehr find`, den ich doch erklimmen wollte, mich in Zeilen verliere, wie Schall und Rauch im Raum, war es für den Moment doch schön danach zu greifen und von der Aussicht zu träumen. Und wärend ich wieder nüchtern werde vom Rausch der Klarheit, denke ich, dass ich diese vor Tragik, Herzschmerz und Tränendrückerrei triefenden Geschichten von unheilbar Kranken doch liebe, sind sie doch eine all zu schöne Rechtfertigung hemmungslos zu heulen.

Und ein bißchen zu wahr, um nicht schön zu sein.


4 Gedanken zu „Zu wahr, um nicht schön zu sein“

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