Trotzdem

Aber bis jetzt ist hier keiner, ist ja auch nur eine Sackgasse und ein verschlafener Samstag ohne Anfang.


Der Weg ist rau und steinig, so wie der, bei deiner Oma, als dich letzten Sommer irgendwann mal besucht habe.
Da stand ein verlassenes Auto am Straßenrand und ein umgekipptes, blaues Fahrrad lag auch rum. Vergessen und verrostet, ohne Schutz vor Unwetter. Damals habe ich mich kurz daneben gestellt und die Arme drüber ausgebreitet.

Trotzdem, ein Jahr später lag es nur noch in Einzeteilen da, der Sattel ausgehöhlt, die Gummireifen zerissen, und mit gespreizten Speichen die Finger ausgestreckt. Ich habe damals Angst bekommen – war verunsichert von der Lieblosigkeit. Im Nachhinein denke ich, jemand hatte einfach nur Angst zu viel zu investieren: Wie ein Streichholz, dass man lieber energisch ausgefechelt, bevor es einem die Finger verbrennen kann.
Ich schleiche auf das Ende der Sackgasse zu, meine Schritte schwanken unsicher, erwartungsleer betrachte ich den Asphalt.
Manchmal denke ich zurück an die Zeit bei deiner Oma, die Wohnung voller Geschirr und Puppen, weißen Tischdecken und dem Verbot mit den Füßen auf der Couch zu sitzen – die angespannte Stille die sich immer ausbreitete, wenn ich abends auf dem Balkon noch eine Rauchte und das Unverständnis für meine lackierten Fingernägel. An die Duftsäckchen kann ich mich auch noch erinnern: der Geruch von Lavendel klebte im ganzen Haus und ließ mich auch noch Tage nach meiner Abreise nicht los. Trostlosigkeit trotz vollster Zufriedenheit. Deine Großeltern waren ein schräges Paar, aber sie haben mich fasziniert. Ich wollte mit dir darüber reden, über Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, aber du hast dich bloß abgewendet… dieser Sommer damals, hat sich jedenfalls zwischen meinen Haaren verhakt, hat sich mir auf die Stirn geschrieben und ich bekomme ihn nicht aus meiner Erinnerung vertrieben: – wegen dir.

Ich grüble, während ich zur Küste laufe. Die Hänge sind gesäumt von wildem Lavendel, lila, grün, dazwischen der Wind. Oft frage ich mich, ob nicht ich das Streichholz war und du mich hast umkippen lassen wie das rostige Fahrrad, willentlich, mitleidslos und aus Angst, dich an mir zu verbrennen.

Autor*in: Mariko

E-Mail: mariko@tapetenresonanz.de les petits anges ne sont pas tous tendres - jean dubuffet ich versuche mich am schreiben, manchmal zeichnen, manchmal bunt. über ideen, anregungen, hinweise zu ausstellungen, projektreihen etc. freuen wir uns immer. please feel free to contact via mariko.moritz@tapetenresonanz.de

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