Sein Preis

Die Wolken über der Stadt trugen Kleider. Rot und lilafarben, gelb, orangen, blau und rosa.

Mit Rüschen und tiefen Krägen. Ihre weiten Säume über den Himmel gefächert.

Die Wolken über der Stadt trugen Kleider, heute.

Ob sie einen Ball veranstalteten?

Er wäre gern eingeladen worden. Zum Tanz der Wolken über seiner Stadt.

In ihren Kleidern und Farben sah er sie vorbeiziehen und trug selbst nur Schwarz.

Schwarze Jeans, schwarzer Pullover, schwarze Stiefel, schwarze Mütze.

Er war froh, dass die Wolken heute kein Schwarz trugen. Die Farben standen ihnen besser.

Und dem Glimmen seiner Zigarette auch, wenn er das glühende Ende dem Himmel entgegenstreckte und an ihr zog.

Den Qualm ließ er aus seinem Mund sickern wie die Luftblasen aus dem Rüssel eines Flaschentauchers.

Er hatte gehört, dass manche Tauchlehrlinge, wenn sie das erste Mal ihre Luft davon quellen sehen, Panik bekommen, denn es war ihre Luft gewesen.

Würde es ihm irgendwann mit seiner Zigarette auch so ergehen? Würde er beobachten, wie der Rauch aufstieg und sein Leben mit sich nahm? Hoch zu den Wolken?

Er lächelte, die Eckzähne im Mundwinkel für eine Sekunde entblößt. Die Zigarette glühte noch einmal in den orangenen Rüschen der Wolken.

Ihm wurde gesagt, dass jeder Zug an einer Zigarette einen Atemzug vom Ende seines Lebens stahl und irgendwie mochte er diesen Gedanken.

Der Wolkenball zog weiter, über ihn hin weg und entblößte einen nackten Morgen auf der anderen Seite der Kuppel. Der Himmel musste sich schämen, so kahl über der Erde zu liegen. Nichts als stumpfes Blau.

Ein Streifen Licht schob sich aufs Dach, pinselte die Kieselsteine sonnenfarben.

Wenn die Vögel nun begannen zu zwitschern, würde er aufstehen und gehen. Für diese kleinen Schmarotzer hatte er nichts übrig.

Er zog, bis das brennende Knistern der Zigarette seine Fingerknöchel anfraß und in seinen Lungen biss und schnipste die aufgerauchte Leiche vom Dach. Sie prallte mit einem leisen tak, tak über die Straße und kam auf der Fahrbahn zum Ruhen.

Aber was konnte er dem Himmel schon erzählen? Mit seinen schwarzen Klamotten.

Er musste sich ebenso schämen, wie der Himmel.

„Aber ich habe es mir nicht ausgesucht“, raunte er ihm zu.

Ob der Himmel sich seine Farbe ausgesucht hatte?

Er krampfte seine Zehen in den Schuhen, um die taube Schicht Eis unter seiner Haut zu brechen.

Der Herbst kaute an seiner Erdkugelhälfte wie ein zahnendes Baby. Zuerst weich und warm, dann spitz und scharf.

Er blickte über die taubenfarbene Stadt.

Leer und leise, als wolle sie das schlafende Baby nicht wecken.

Aber er liebte den Herbst.

Nicht so sehr wie den Winter und seine verstohlene Art Menschen den Lebensmut auszusaugen, doch er liebte den Herbst.

Die kleine, quengelnde und träumende Schwester des Winters.

Er zog seine Stiefel an den Körper, drückte sich auf die Füße, breitete die Arme aus und ließ den Kopf in den Nacken kippen.

In der Sonne kribbelte seine Haut wie Brausepulver.

Manchmal hatte er Angst vor dem Tag der großen Abrechnung.

Sie sagten zwar das Leben sei nicht fair, doch niemand konnte so viel bekommen und nicht früher oder später dafür zahlen müssen. Es musste anders sein.

Sicher, manche Dinge schienen sich allein durch ihren grundsätzlichen Besitz zu vermehren, doch selbst für sie zahlte man zu späterer Zeit den Preis.

Liebe, wurde gesagt, koste nichts.

Je mehr man gab, desto mehr bekam man zurück und er glaubte den Leuten, die das sagten.

Dennoch hielt er sich aus diesem Geschäft heraus. Der unumgängliche Endpreis war ihm zu hoch.

Entweder man lebte, um seine Lieben zu begraben oder man starb wie ein egoistisches Schwein zuerst und ließ eine Furche der Zerstörung zurück.

Liebe war nicht preis los. Sie war der teuerste Handel dieser Welt, zuzüglich Zinsen.

Er hatte auch ohne dieses Spiel schon genug abzuzahlen.

Jede Sekunde der Sonnenstrahlen auf seiner Haut, all die Farben der Wolkenkleider über ihm, den Wind der seinen schwelenden Zigarettenatem forttrug.

Seine Schulden waren groß und die Abrechnung würde ihn, falls sie kam, wohl bis auf die Knochen zerfleischen.

Wer erlaubte ihm sein Leben so zu leben, die Welt so zu bewundern und verlangte keine Bezahlung? Nur ein Irrer würde das tun.

Er hasste es. Irgendwo in sich hasste er es.

Die Momente, in denen er das Glück fing, waren kleine Nadeln in seiner Brust. Einzeln machten sie ihm nicht viel aus, doch über die Zeit…

Schönheit zu tragen- ertragen war schwer.

Er schloss die Augen und brüllte in die Stadt. Sollte das Baby doch aufwachen.

War er denn allein? Gab es Niemanden den diese Last ebenso erdrückte wie ihn?

Gab es Niemanden der das kalkweiße Licht der Nachregensonne an einem Sommernachmittag bemerkte?

Niemanden der die Grashalmspitzen an der Handfläche wie Soldatenspeere kitzeln spürte? Niemand der hörte, dass dieselben Grashalme im ersten Frost des Jahres knirschten und brachen, wenn man die Schuhsohle auf sie senkte?

Er schnaubte, ließ seinen Kopf auf die Brust kippen.

Er hatte es nie durchblickt. Der neue Gedanke schob ihm ein Grinsen ins Gesicht.

Das Leben rechnete bereits mit ihm ab.

Jeden Tag bezahlte er für diese Schönheit- diese Welt, mit einer Nadel in seinem Herzen. Und irgendwann würde der gesäte Stahl ihm die Knie brechen.

Noch einmal brüllte er in den Morgen. Mit ganzer Kraft, bis seine Lungen klemmten und ihm die Stimme ausbrannte.

Ein Gedanke zu „Sein Preis“

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