Kreuzmeer

Tagebuch am Abend:

Sie saß wieder da.
Und weiter oben, öffnete eine Frau im schwarzen BH ein
Fenster und rieb sich den Bauch.
Sie, die da saß, lernte, jeden Tag.
Ich stand auf der anderen Seite mit einem Tee in
der Hand. Regen. Beobachten. Lauschen.
Es gibt keine Stille. hier. Es lebt. Aber das ist bekannt.


Wer war sie, und wie ist ihr Leben. Was tat sie, wenn sie
nicht lernte. Aschblondes Haar. Mit Bob und Pony. Ich
taufte sie Mathilda. Der Name gefiel mir. Mathilda.
Die Frau im BH verschwand wieder. Der Regen stoppte.
Das Haus daneben war dunkel und aus Prag. Oder Venedig. Aber zu hoch. Und in Venedig war ich noch nie. Ich sah nach oben und lud den Himmel in
meinen Kopf ein. Der langweiligste Himmel ist blauer
Himmel. Er ist nur schön. Oder nicht mal das. Heute ist
der Himmel grau. Überall. Aber bewegt. Wegen der
Himmelsdecke sahen die schönen Häuser verlassen aus.
Vergessen. Nur das offene Fenster und die Frau am PC
ließen das Gegenteil wissen. Auch war da ein kleiner Balkon, auf welchem Windräder kreisten, und ein Flamingo vorgab echt zu sein. Ich glaube die Wolken wollten mir gute Nacht sagen.
Ich bin eine Seefrau. Und segele mit meinem Balkon
über das Kreuzbergmeer der Stimmen. An mein Boot
grenze ein zweites. Und eigentlich sind wir Ein Schiff.
Nur mit einer Trennwand. Doch wie auf großen
Kreuzfahrtschiffen, wissen wir nichts voneinander.
Einmal bin ich außen am Balkon, an der Trennwand
entlang, ins Buck geklettert. Keiner zuhause. Die Flügeltür
aber stand offen. Von dem anderen Boot aus, stand ich in
einem leeren Raum. Grau, Braun, Grün. Kein Putz. Hohe
Decken. Groß. Lebte dort keiner? Es war, als dürfte ich die
Wohnung betreten. Alles stand offen, bis auf eine Tür.
Wahrscheinlich die Küche, aber ich wagte es nicht die Tür
zu öffnen. Neben dem Zimmer, ein ähnlich großes. Ein Bett und Überall Kleiderständer mit Kostümen. Bücherhaufen. Welche Bücher weiß ich nicht
mehr.
Ich betrachte wieder die Frau, wie seit Tagen schon.
Unverändert. Im stetigen Wechselzwischen Rot und Blau.
Sie studierte sicher Kunstgeschichte. Hinter ihr lassen sich
Gemälde von Zeitungspapier behütet erahnen. Natürlich
könnten es auch ihre eigenen Kunstwerke sein. Aber so
sieht sie nicht aus.
Im Haus nebenan gingen vier Fenster in der
zweitobersten Etage an. Und der Himmel wurde dunkelblau.
Es gibt selten schöneres, als ein hohes, romantisches Haus, welches sich gen Himmel streckt. In welchem die
Obersten Lichter dem Himmel komplementär
antworteten. Kurz vor Nacht. So, dass sich zwischen der
Wolkendecke, letzte Babyblaue Brüche erspähen lassen.
Ein bisschen ist es auch wie ein blaues Papier, auf welches
ein Kind vier große Sterne gemalt hat. Unschuldig, aber
klar und selbstbewusst.
Unter mir nahm langsam das Kreuzmeer zu. Die Nacht
legte sich in Geist und Körper. Die Gespräche wurden
intensiver, ehrlicher, emotionaler. In meinem Boot
jedoch, war nur ich. Schippernd mit meinen Gedanken.
Ich stelle mir das wie eine Collage vor. Ein Bild von mir,
auf dem Balkon sitzend, im Profil. An die Trennwand
gelehnt, die Füße baumelnd. Klein in die Ecke geklebt.
Hinter mir, die Fenster, das Haus und der Himmel. Dann
wird mein Kopf ab den Augen aufwärts abgetrennt. Dort
heraus fließen Farben, Wörter und Sätze. Aus Zeitungen?
Rot, Weiß, Schwarz. Aus Mir, in einem nach oben offenem
Kegel. Hinaus in die Freiheit von Blau.

2 Gedanken zu „Kreuzmeer“

  1. Wie schön es weitergewebt zu lesen. mmmmh. höre dich in deiner stimme wie du es leise murmelst während du schreibst oder am telefon, den tag erzählend…. küsse!!

  2. Sehr schöne greifbare Bilder c:
    Sehr farbig. Schön es noch mal zu hören.
    Du kommst immer wieder auf die gleichen Dinge zurück. Die gleichen Symbole und Metaphern. Das spannt Fäden.
    Trotzdem ist da immerwie dieser Erzählstrang, der so eine Note bekommt von, ich erzähl dir eine Geschichte. Schöööön.

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