Der Fleck

Sie kannte ihn nicht, hatte ihn noch nie gesehen. Den Fleck. Den Fleck auf ihrem Teppich. Er war rot und tief, wie die verseifte Pfütze eines Schlachthofes. In der Mitte dunkler als am Rand. Sie schrie. Wonach wusste sie nicht, doch als ihr Sohn ins Zimmer gestolpert kam, das Gesicht vor Sorge und Überraschung gefüllt mit Os, wusste sie, es war seine Schuld.

Einen langen stacheligen Finger ausgestreckt, wies sie auf den Fleck.

„Was-?“, stotterte sie.

Der Sohn wurde bleich, als seine Augen auf das Rot trafen.

„Was-? Das warst du.“ Die Worte platschten aus ihrem Mund in den Schlachthoffleck, schwer, wie achtzig Kilogramm Fleisch. Der Sohn schüttelte den Kopf. Nicht ruhig oder verwirrt. Panisch.

„M-m! Das war ich nicht. Wirklich nicht. Papa! Vielleicht?“

„DAS-WARST-DU!“, kreischte sie, denn Papas Fuß ragte hinter dem Sofa hervor. Ordentlich in einen glänzenden Lackschuh verpackt.

„ICH WAR ES NICHT“, brüllte der Sohn zurück.

„DOCH!“

„NEIN!“

Sie zog die Augen zu schlitzen, so dünn, dass nur noch die schwarz gefärbten Wimpern ihren Sohn anschielten. Das genügte. Sie musste ihn eh nicht sehen.

„Wo ist Papa? Ich sage dir, ER war es!“ Ihr Sohn, der Teufel, warf die Arme wie ein Parvian über den Kopf, als wisse er nichts. Er verschwand durch die Schiebetür, aus der er ins Wohnzimmer geplatzt war, zurück in die Küche.

Sie hörte ihn nach ‚Papa‘ rufen. Er hielt sie für einen Idioten.

„Alles beginnt mit den Gedanken“, hatte der Psychotherapeut ihr erzählt. „Verändern sie ihre Gedanken, verändern sie ihre Realität.“
Sie wusste nicht, wo das Messer lag. Ihr Sohn wusste, wo das Messer lag. Er wusste es lag neben dem Couchtisch auf dem Boden, zwischen dem Buch über Immobilen Kauf und dem anderen über Grenzen Setzung. Selbsthilfe Nonsens, wenn man sie gefragt hätte. Alles beginnt mit den Gedanken.

Der Sohn kam zurück ins Wohnzimmer.

„Ich trinke nicht einmal Rotwein, Mama!“

„JA! Genau! So habe ich das auch gesehen, als du mit dieser Schlampe-“

„SIE wollte Roten! Ich wollte Weißen.“

„Ich weiß, dass du es warst.“

Er drehte seine Augen in den Schädel, klatschte die Hände auf die Oberschenkel. „Wo ist DENN Papa?“

Ihr Sohn war ein Idiot. Sie streckte den Arm, zeigte auf den Lackschuh.

Sie kannte ihn nicht. Den zweiten Fleck. Den zweiten Fleck auf ihrem Teppich. Sie wusste nicht, wo das Messer lag.

Hinter dem gesprungenen Hochzeitsservis?

Vielleicht.

„Alles beginnt mit den Gedanken“, hatte der Psychotherapeut ihr erzählt.

Ein Gedanke zu „Der Fleck“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.