Blumen für Nora

Mein Vater mag es nicht, wenn die Vorhänge aufgezogen sind, deshalb ist unsere Wohnung immer dunkel. Nora und ich sind tagsüber nicht Zuhause also ist es in Ordnung.

Mein Vater lässt aber die Stehlampe im Wohnzimmer an, den ganzen Tag und die ganze Nacht.

Wir leben in einem Wohnkomplex mit vielen Menschen und unsere Fenster zeigen alle in den Innenhof. Ich glaube, deshalb hält mein Vater die Vorhänge geschlossen. Vielleicht werden aber auch seine Kopfschmerzen von der Sonne schlimmer.

Ich habe ihn nie gefragt.

Die Stehlampe ist noch von Ma. Sie ist das Einzige, das mein Vater von ihr behalten hat. Sie ist rot, ein dunkles Rot und steht in der Ecke neben unserem Herd.

Unsere Küche ist im Wohnzimmer. Die Wohnung ist ziemlich klein.

Wenn er da ist, schläft mein Vater auf der Couch. Nora und ich teilen uns ein Zimmer.

Nora ist meine kleine Schwester, drei Jahre jünger als ich. Sie geht noch zur Schule.

Ich arbeite bei einer Tankstelle, mache den Verkauf und passe auf das nichts wegkommt. Es bringt nicht viel, aber besser als nichts zu verdienen. Die Schichten wechseln ständig, von nachts, zu morgens und nachmittags.

Gestern musste ich nachmittags arbeiten und kam deswegen erst spät zurück.

Ich nehme oft einen Umweg von der Arbeit zu unserer Wohnung. Ich gehe an den Schienen entlang. Es hat keinen besonderen Grund. Außer, dass ich länger brauche. Der Umweg gibt mir eine halbe Stunde, manchmal auch mehr.

Die Treppen unseres Wohnblocks, wie auch die Haustüren zeigen in den Innenhof. Es gibt eine Art Balkon, einen Rundgang, der vor alle Wohnungen führt. Manche der Nachbarn haben eine Bank oder Pflanzen auf ihrem Abschnitt stehen. Wir haben einen Aschenbecher.

Es muss kurz nach elf gewesen sein, als ich an unsere, mit gelbem Licht beschmierte Tür kam. Ich schloss auf und warf meine Jacke in die Ecke, in der all unsere Jacken liegen.

Bevor ich weiter ins Wohnzimmer ging, blieb ich im Flur stehen und wartete. Ich hörte darauf wer in der Wohnung war. Das mache ich oft, eigentlich immer.

Ich betrachtete mich im Spiegel, der über der Kommode hing. Meine Augen, meinen Kiefer, meine Haut.

Es beruhigt mich.

Ich sah mich an, um mich daran zu erinnern, dass es mich gibt.

Manchmal vergesse das. Als läge noch eine zweite Schicht über mir. Eine Schicht, die mein Leben führt und ich sehe ihr dabei zu.

Ich blieb eine Weile im Flur.

Aus der Wohnung sickerte ein Rauschen, ansonsten war es still. Die Jacke meines Vaters lag auf einem Stuhl in der Ecke.

Als ich schließlich ins Wohnzimmer trat, saß er auf der Couch. Er saß zurückgelehnt, die Füße breit aufgestellt. Seine Hände hatte er zwischen den Beinen in einander verschränkt.

Mein Vater sitzt oft lange Zeit genauso auf der Couch und starrt vor sich auf den Boden. Für Stunden sitzt er so.

Ich weiß nicht, ob er mich bemerkte, jedenfalls rührte er sich nicht.

Das Rauschen drang aus dem Badezimmer. Ich klopfte an die Tür und als auch beim zweiten Mal niemand antwortete, öffnete ich.

Es war Nora.

Sie lag in der Badewanne. Der Boden war überflutet. Wasser prasste aus dem Hahn. Ich schloss die Tür und drehte den Schlüssel.

Nora lag mit ihren Kleidern im Wasser. Nicht einmal die Turnschuhe hatte sie ausgezogen.

Ihre Arme, gebrochene Flügel, ragten über den Rand der Wanne.

Sie wandte mir den Kopf zu und sah auf die Tropfen, die von ihren Fingerspitzen hingen. Um ihre Augen schmierte Makeup, auf ihrer rechten Wange blühte eine blau-lila Rose.

Nora und ich nennen sie so.

Als sie noch jünger war, sagte ich es zu ihr, um sie zu trösten. ‚Noch eine Blume für dich, Nora.‘

Eine Zeit lang funktionierte es, aber dann ist sie aufgewachsen.

Ich sah sie an und Nora sagte, was sie immer sagt. „Tut mir leid, Jonas.“

Dann weinte sie, wie sie immer weint. Stumm, in einzelnen Tränen.

So weint man, wenn die Schmerzen tiefer reichen als man es aushalten kann. So tief, dass man sie kaum noch spürt. Diese Schmerzen kenne ich.

Ich finde Nora oft im Bad, die Augen starr, die Hände kalt.

Mein Vater hat ihr das beigebracht.

Als wir klein waren, hat er sie über Nacht eingeschlossen. Nora saß an die Badewanne gelehnt und weinte, bis er irgendwann am nächsten Tag, die Tür öffnete. Er umarmte sie dann und sagte ihr alles wäre wieder gut.

Er log.

Nora trug einen roten Pullover. Es war ein schöner Pullover. Durch das Wasser war seine Farbe dunkel, zu einem dunklen Rot geworden. Es schwamm auf ihrem Körper, an ihren Armen hinauf, um ihren Hals.

Ich kniete mich an die Wanne und nahm ihre Hand.

Das Wasser auf dem Boden war kalt und ihre Hand war kalt, doch ich nahm sie, schloss sie ein und hielt sie fest. Nora weinte weiter, also saß ich neben ihr und wartete.

In diesem Moment hätte ich fühlen müssen, das weiß ich. Etwas. Irgendetwas. Aber ich sah zu. Ich sah dabei zu, wie ich ihre Hand hielt und ihren Tränen nachblickte.

Und irgendwann kamen keine Tränen mehr.

Ich löste mich von Nora, drehte das Wasser ab und schob meine Arme in die Wanne, unter ihre Schultern und Knie. Ich setzte sie in den Bodenozean und zog ihren Pullover, die Schuhe und Hose aus.

Sie hatte noch zwei weitere Rosen. Eine an den Rippen und eine an ihrem Oberschenkel.

„So viele Blumen heute“, sagte ich und deckte sie mit einem Handtuch zu. Nora antwortete nicht und richtete die Augen nur wieder auf ihre Finger. Sie hatte die Beine dicht an ihre Brust gezogen, die Schultern vorgeklappt. Ihre Hände hielt sie, als säße ein Vogel darin, zwischen den Knien.

Ich schloss die Tür auf und hob Nora aus dem Wasser. Ihre Kleider ließ ich zurück.

Mein Vater sah kurz auf, als ich ins Wohnzimmer trat.

Er sah mich nicht an, nur Nora. Aber er ließ mich gehen.

Ich brachte Nora in unser Zimmer setzte sie auf ihr Bett und schloss die Tür ab. Kurz hielt ich inne, starrte auf das Holz vor mir, schloss die Augen.

Ich wusste, dass ich fühlen sollte. Aber es war mir egal.

Das alles war mir egal.

Noras Haare waren bis unter die Ohren nass. Ich wickelte sie in einen meiner Hoodies und legte ihr das Handtuch auf die Schultern. Trotzdem zitterte sie.

Ihr rollten wieder Tränen von den Wimpern auf die Wangen, über diese Rose. Nora blickte auf ihre Hände, aber sie waren leer. Ich setzte mich, legte einen Arm um sie und wartete.

Nora kriegt mehr Blumen als ich. Das war schon immer so. Mein Vater sagte mir mal, Nora wäre schuld, deshalb.

Manchmal bleiben wir den restlichen Abend im Zimmer, hören Musik und versuchen zu schlafen, aber gestern hatte Nora zu viele Rosen an ihrem Körper.

Ich sagte Nora, dass sie im Zimmer bleiben soll und schloss die Tür auf.

Wasser quoll aus dem Badezimmer über das Linoleum bis in den Teppich unter der Couch.

Mein Vater saß nicht mehr im Wohnzimmer.

Er war auch nicht im Badezimmer. Der Stuhl im Flur war leer, die Jacke meines Vaters fehlte. Ich starrte auf den Stuhl.

Er verschwindet, weil er es nicht aushält sie zu sehen. Er ist abgehauen.

Gestern ist er wieder abgehauen und hat es mir überlassen Nora anzugucken, ihren Schmerzen zu ertragen, sie zu trösten und das machte mich wütend. Ich wurde wütend.

Ich nahm den Stuhl ohne Jacke und schleuderte ihn in den Spiegel. Er krachte auf den Boden, Spiegelscherben regneten. Sein Bein war eingeknickt, um ihn lagen die silbernen Splitter verteilt. Wie ein Sternenfeld.

Meine Hände zitterten. Sie waren lebendig.

Ich atmete ein, atmete aus. Ich sah auf meine Hände.

Meine Wut kam so plötzlich, dass ich erstarrte, als ich begriff. Ich starrte auf die tausend Splitter und starrte tausend Mal zurück.

Wut war mir fremd und trotzdem kannte ich sie. Ich kannte sie aus meiner Kindheit. Ich kannte sie von meinem Vater.

Sie fühlte sich gut an.

Und dann… Dann stand Nora in der Tür. Sie sah zu den Scherben und sagte: „Gehen wir.“

Wir griffen unsere Jacken und gingen.

Der Himmel war trüb gestern Nacht. Man konnte nicht einmal den Mond durch die Wolken sehen.

Wir hatten keine Ahnung was wir tun sollten und weil ich noch nicht gegessen hatte, gingen wir zu dem 24/7 Laden zwei Straßen weiter. Seine Neonreklamen leuchtete rot in den Pfützen auf der Straße.

Ich holte ein paar Müsliriegel und legte sie auf die Theke.

„Und zwei davon.“ Ich zeigte auf den Abfüllautomaten für Getränke.

Der Verkäufer guckte erst Nora und dann mich an.

„War er das?“

Nora schüttelte den Kopf.

„Das ist meine Schwester, Mann“, sagte ich und legte ihm das Geld hin.

Er schob die Pappbecher auf den Tresen.

„Dann pass mal besser auf.“ Er zeigte mit seinem Finger auf ihre Wange. „Das geht doch nicht.“

Ich schlug seine Hand aus Noras Gesicht. „Halt dich da raus.“

Wieder sprudelte Wut in meinen Kopf, dröhnte über alles. Ich hätte ihm eine verpasst, aber Nora legte ihre Hand an meine Schulter.

„Gehen wir, Jonas.“

Ich griff die Becher und ging aus dem Laden.

Dieser Typ hatte mich so wütend gemacht, dass ich draußen auf der Straße ein Auto kickte, die Arme ausstreckte und lachte. Ich fühlte mich gut, so gut.

Obwohl es weh tat. Was er sagte, tat weh.

Er hatte keine Ahnung. Er hatte einfach keine Ahnung. Von irgendwas.

Ich gab Nora ihren Becher und wir gingen die Straße entlang. Wir wussten nicht wohin wir sollten, also gingen wir irgendwohin.

Einige Zeit schwiegen wir. Nora sippte an ihrem Becher, kniff die Lippen, dann sagte sie: „Du bist nicht schuld daran.“

Ich sah sie an, aber sie blickte auf die Straße. Nora sieht mich nie an.

„Ich weiß.“

„Der Typ war einfach…“

Wir bogen auf die Hauptstraße. Selbst nachts rasten dort die Autos. Die Lichter in den Häusern erhellten den Bürgersteig und die Restaurants waren geöffnet.

Eigentlich ist die Straße schön, zumindest war sie es gestern.

Wir schlenderten mit den roten Pappbechern in unseren Händen die Restaurantreihe entlang. Sie hatten Lichterketten in die Bäume gehängt und Sessel standen um flache Holztische.

Als die Gäste ihre Rose bemerkten, senkte Nora den Kopf noch tiefer zwischen ihre Schultern.

Ich schob sie auf meine andere Seite.

An der nächsten Kreuzung drehten wir in eine Nebenstraße ein. Die Straße, von langhalsigen Laternen gerahmt, endete in einer Betonbrücke.

Seit wir an den Restaurants entlang gegangen waren, hatte Nora geschwiegen.

Wir wanderten die Straße hinab auf die Brücke zu. Zwei Stahlbögen überspannten sie von einem zum anderen Ende und ein Drahtzaun grenzte die Autofahrbahn vom Fußgängerweg ab. Unter uns bahnten sich, begleitet von an Mästen hängenden Kabeln, Schienen neben einander in einen Tunnel. Büroanlagen leuchteten weiße Punkte in den grauschwarzen Stadthorizont.

Auf halber Brücke blieben wir stehen und stellten uns ans Geländer.

Neben mir hing ein zerfledderter Regenschirm an den Metallstangen. Er war schwarz, sein Skelett verbogen und der Stoff zerrissen, doch irgendwie passte er dort hin, fand ich.

Nora setzte ihren Becher aufs Geländer, ich meinen daneben.

„Warst du heute in der Schule?“

Nora nickte.

„Ich habe die ganze Woche Nachtschicht“, sagte ich.

Sie tappte mit dem Becher aufs Metall.

„Schlaf bei einer Freundin.“

Sie sah mir kurz, ganz kurz, in die Augen und drehte sich dann wieder den Schienen zu.

„Ich schlafe in der Garage“, murmelte sie. „Die ist eh bald weg.“ Sie wies auf ihre Wange.

Ma sagte mir mal, dass es für Momente, in denen man zwar bei einer Person aber trotzdem vollkommen allein ist, einen Namen gibt. Sie nannte sie Zweisamkeit.

Sie sagte, Zweisamkeit sei schlimmer als Einsamkeit, denn sie ist vollkommen.

Daran musste ich gestern auf der Brücke denken.

„Weißt du,“ Ich sah zu Nora. „du bist auch nicht schuld.“

„Woran?“

„An allem. An Ma, an den Blumen und dem Ganzen. Das passiert nicht wegen dir, sondern wegen ihm.“

Nora senkte den Kopf. Ihre Haare rieselten von den Ohren über ihr Gesicht.

Ich hätte sie umarmen sollen. Ich hätte ihr sagen sollen, dass ich bei ihr bin, sie nicht allein ist, dass wir einfach weg gehen können, irgendwohin wo es keine Blumen gibt. Ich hätte ihr sagen sollen, dass ich sie brauche. Ich hätte es tun sollen, aber ich sah nur zu.

Nora tappte noch einmal mit ihrem Becher.

„Hat er etwas gesagt?“, fragte Nora.

„Nein“, sagte ich.

Sie nickte, starrte auf ihre Finger. „Er sagt nie etwas.“

Nora litt. Ich sah es. Der Schmerz lag auf ihrem Gesicht wie eine zweite Haut, eine zweite Schicht. „Hast du je gedacht-“, hauchte sie. „Viel- Vielleicht ist es das nicht wert?“

Eine Träne fiel auf Noras Handrücken. Sie schob ihren Becher zur Seite. „Hast du je gedacht… es wäre vielleicht besser, wenn alles einfach vorbei wäre?“

Nora setzte die Spitze ihres Schuhs ins Geländer.

Ich stand reglos, denn ich verstand nicht was sie sagte. Ich wollte es nicht verstehen.

„Hast du je gedacht…“ Ihr Satz blieb ohne Ende.

Sie schob den Rest ihres Fußes zwischen die Metallstreben.

Für einige Minuten schwieg sie, die Augen geschlossen. Der Wind und seine Stadtgeräusche umspülte sie, raubte Nora die Tränen.

„Warum hasst er mich?“, keuchte sie und schnappte Luft. „Warum-? Warum müssen wir leben?“ Nora schluchzte auf. „Was haben wir denn getan?“ Sie lehnte sich über das Geländer.

Mein Arm legte sich um ihre Schultern. Ich sah zu.

„Er liebt mich. Er liebt mi- Ich weiß, dass er- Warum schlägt er mich? Was habe ich getan? Ich will einfach-“

Ihr Kopf stürzte auf die andere Seite des Geländers. Ihr Körper bebte. „Ich weiß, dass er mich-“

Vorsichtig zog ich Nora zurück auf die Brücke. In meinen Armen knickte sie zusammen. Ich setzte mich auf den Boden und sie weinte, das Gesicht in meinen Pullover gedrückt. Während die Autos an uns vorbei über die Brücke fuhren.

Wir saßen eine lange Zeit auf der Brücke. Nora hörte irgendwann auf zu weinen, doch ich hielt sie weiter in meinen Armen.

Ich blickte zu den Häusersilhouetten über dem Tunnel. Der Himmel war wolkig, keinen einzigen Stern konnte man sehen, aber die Stadt glitzerte. Mein Blick fiel auf den verbogenen Regenschirm.

Ich fragte mich, wo mein Vater jetzt war. Zuhause, in der leeren Wohnung? Irgendwo auf den Straßen? Ich wollte es wissen, obwohl es mir egal war. Es war mir egal.

Nora löste sich von meinem Pullover, atmete aus und wischte mit den Ärmeln über ihr Gesicht. Sie stützte sich auf ihre Hände und stand auf. Sie war müde.

„Was machen wir jetzt?“

Ich zog mich am Geländer hoch und versuchte ihr in die Augen zu blicken, doch sie wandte den Kopf ab.

„Gehen wir zur Garage?“

Ich nahm den Regenschirm.

„Dort können wir schlafen.“

Ich hob den Schirm, schwang ihn wie ein Baseballschläger und kickte meinen Becher vom Geländer. Ich folgte dem roten Punkt mit den Augen. Er schlug auf die groben Steine zwischen den Schienen, zerplatzte, brach auf.

Nora sah zu ihm hinab. Sie streckte die Hand und ich gab ihr den Schirm. Ihr Becher flog meinem nach. Wir traten ans Geländer.

Die zwei roten Punkte auf den Gleisen waren unscheinbar, von oben kaum noch zusehen.

Nora ließ den Schirm auf die Straße fallen.

Kurz stand sie reglos, dann drehte sie sich um und ging in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

Ich folgte ihr.

Mein Vater hatte vor ein paar Jahren, als alles mit Ma passiert ist, eine Garage gemietet, um einige Dinge wegzuschaffen. Er war seitdem nicht mehr dort gewesen. Vielleicht hatte er die Garage und die Sachen darin vergessen. Den Mietvertrag kündigte er nicht.

Nora und ich haben dort vor ein paar Monaten aus Isomatten und Decken ein Schlaflager gebaut. Nora schläft oft in der Garage.

Es ist eine dieser Abstelllagerketten. Fünf oder mehr Garagenreihen ziehen sich über den Platz. Unsere ist in der dritten.

Als wir gestern Nacht ankamen, war es vollkommen leer und still.

Ich holte meine Schlüssel aus der Tasche, nahm das Schloss aus dem Scharnier und drückte das Tor nach oben.

Ein kleiner Raum, verstellt von Regalen und Möbeln. Auf dem Boden standen Kisten, aber die meisten hatten wir in die Regale geräumt. Es gab auch einen Sessel. Er hatte das gleiche Rot wie die Stehlampe in unserer Wohnung und man konnte eine Beinstütze ausklappen. Der Sessel gehört auch Ma.

„Willst du schlafen?“

Nora zuckte mit den Schultern und sah sich um.

„Ich bin noch nicht müde.“

Aus dem Regal neben ihr nahm sie eine kleine Schachtel und wog sie in der Hand.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Fotos“ Sie hielt die Schachtel in ihren beiden Händen. „Ich hab sie irgendwann rausgesucht.“

Nora kickte ein Kissen über Boden an die Wand und setzte sich darauf. Vorsichtig hob sie den Deckel der Schachtel ab und zog einen dünnen Stapel heraus. Ich ging zu ihr, lehnte mich an und blickte auf die Bilder in ihrer Hand.

Das oberste Foto hatte ich zuvor noch nie gesehen. Es zeigte Ma am Esstisch, der damals noch in unserer Wohnung stand, eine Tasse zwischen den Händen haltend und ein Lächeln auf den Mund gedruckt. An ihrem Bein klammerte ein Mädchen, mit dünnen Kinderhaaren und magerem Rücken. Es hatte sich von der Kamera abgewandt.

„Das bist du, oder?“

Nora nickte und ließ das Foto aus ihren Fingern auf den Steinboden rutschen.

Im zweiten Foto hockte Ma mit einer Zigarette in der Hand vor der Wohnungstür, den Kopf an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Hinter ihr auf dem Balkon erkannte ich mich, mit einer großen Tasche unter dem Arm.

Ich erinnere mich noch daran, wie das Foto gemacht wurde. Mein Vater schoss es. Er stand hinter der Kamera und drückte ab.

Es war der Tag nach dem Nora weggelaufen war. Die Tasche unter meinem Arm war für sie. Voll gepackt mit Kleidern, Essen und Büchern. Ich wollte sie suchen und ihr die Sachen geben, aber Ma verbot es mir. Sie sagte Nora würde zurückkommen, wenn sie hungrig genug würde.

Als ich am Tag darauf von der Schule zu unserer Wohnung zurückkehrte, kniete Nora vor der Tür und weinte und schrie. Mein Vater stand vor ihr. Er sagte sie solle abhauen, er würde sie nicht mehr haben wollen.

Erst als Ma von der Arbeit kam, durfte Nora in die Wohnung. Ma hob sie vom Boden, trug sie ins Wohnzimmer und saß mit ihr für zwei Stunden auf dem Sofa. Sie umarmte sie und streichelte ihre Haare, bis Nora schließlich aufhörte zu schluchzen.

„Sie kommt nicht zurück. Oder?“ Nora schob das Foto neben das andere auf den Boden.

Ich nickte langsam.

Ma.

Sie ist vor 7 Jahren in eine andere Stadt gezogen. Sie wollte kommen und uns holen. Irgendwann.

„Nein. Sie kommt nicht zurück.“

Das nächste Foto war aus der Zeit als Ma schon weg war.

Die Badezimmertür in unserer Wohnung war geschlossen. Mein zehnjähriges-Ich lag, die Arme unter den Kopf gesteckt, die Beine angezogen, auf dem Boden und schlief.

Wie oft habe ich damals vor dieser Tür gewartet? Die ganze Nacht, die ganze verdammte Nacht.

Ich saß da, eine Hand an der Tür und redete mit Nora auf der anderen Seite, aber Nora weinte trotzdem. Manchmal schaffte ich es einzuschlafen.

„Weißt du, irgendwann hat er die Tür nicht einmal mehr abgeschlossen.“

Nora nickte und strich mit den Fingerspitzen über die kleine Gestalt im Foto.

„Ich habe dir gesagt, dass er gegangen ist, dass du rauskommen kannst.“ Ich schluckte. „Du bist trotzdem immer geblieben und hast gewartet bis er dich rausließ.“

Meine Hände verkrampften sich. Ich sah Nora an.

„Warum? Warum bist du nicht rausgekommen?“

„Weiß ich nicht.“ Sie flüsterte.

„Du weißtes, Nora. Warum bist du nicht rausgekommen?“

Meine Wut kehrte zurück, doch dieses Mal verwirrte sie mich. „Ich war da. Ich war immer da! Warum bist du nicht rausgekommen?!“

Nora ließ die Fotos fallen und zog die Schultern an. Ich hatte nicht brüllen wollen.

„Ich weiß, dass du-“

Ich hörte sie nicht. Das Wummern in meinem Schädel übertönte sie.

Ich stieß mich von der Wand ab.

„Warum, Nora?!“ Ich starrte sie an. „Ich war da. Jede Nacht! Ich habe dich auch gebraucht, weißt du. Warum?!“ Ich brüllte. „Du hast mich allein gelassen! Warum?!“

Ich zerrte Nora auf die Beine, packte ihren Kopf und zwang sie mir in die Augen zu blicken. Nora weinte, sie schluchzte und wand sich in meinem Griff.

„Es tut mir leid.“

Ich ließ von ihr ab, packte eines der Regale und schmetterte es auf den Boden. Die Garage verwuchs zu kreischenden Farben. Ich riss ein zweites Regal von der Wand. Kartonkisten, in die das Regal einschlug, platzten auf. Bücher, Spiele und Filmhüllen sprangen über den Boden. Nora griff nach meinem Arm aber ich-

Als ich mich zu ihr umdrehte, lag sie am Boden.

Sie hielt sich die Hand ans Gesicht. Sie sah mich an. Sie sah mir in die Augen.

Ich weiß, dass sie mich hasste.

Und plötzlich war ich nicht mehr wütend.

Meine Brust zog sich zusammen, mein Kopf wurde kalt.

Irgendwie, irgendwann löste ich mich aus meiner Starre, stolperte aus der Garage und rannte.

Ich rannte, denn ich konnte sie nicht angucken.

Am frühen Morgen, eine verschmierte Dämmerung quoll bereits in die Nacht, fand ich mich taub und nass vor unserer Wohnung wieder.

Die vergangenen Stunden war ich gerannt. Ich hatte mich übergeben und war weiter gerannt.

Ich hatte bei der Brücke gehalten. Ich stand und blickte zu den roten Punkten auf den Schienen, aber ich konnte nicht.

Also rannte ich weiter.

Ich bog in unsere Straße ein, sprintete die Treppen hinauf, über den Balkon, zu unserem Aschenbecher.

Ich zitterte. Meine Haare fledderten vom Schweiß durchzogen über meiner Stirn. Ich atmete ein, atmete aus.

Die Wohnungstür stand offen, der Stuhl und der Spiegel lagen noch immer auf dem Boden. Ich trat in den Flur. Die Scherben knirschten unter meinen Schuhen. Mit den Fingern strich ich die Kommode entlang, hielt vor dem leeren Spiegelrahmen, blickte hinein und lauschte der Wohnung. Es war still, doch das Atmen konnte ich hören.

Mein Vater saß im Wohnzimmer. Als ich durch die Tür trat, sah er zu mir auf.

Sein Blick wanderte von meinem Gesicht, zu meinem Arm, zu meiner Hand.

„Jonas.“ Er stand auf.

Ich zuckte mit dem Kopf, schüttelte seine Stimme aus meinen Ohren.

Mein Vater rannte. Er versuchte die Tür zum Badezimmer abzuschließen, doch ich war bei ihm bevor er das Schloss drehte.

Ich hieb nach seinem Gesicht und er krachte gegen die Wanne. Das Wasser spritzte ihm über das Shirt. Ich riss ihn hoch, drückte ihn gegen die Wand, zerrte seinen Kopf in den Nacken. Er schlug nach mir, presste seine Arme gegen meine Brust und versuchte mich von sich zu schieben.

Vier, fünf, sechs Mal hieb ich, dann glitt die Scherbe aus meinen Fingern.

Sie klirrte im Wasser, mischte rote Wolken über die Fliesen.

Ich grub mein Gesicht in seine Schulter.

Mein Vater keuchte und spuckte. Ich krallte meine Hände in den Stoff seines Shirts. Wir rutschten an der Wand hinab in den Bodenozean.

Ich brüllte. Ich brüllte und weinte.

Er atmete ein, atmete aus.

Irgendwann löste ich mich von ihm.

Es war still. Nur das Wasser auf dem Boden plätscherte, als ich mich von seinem Körper schob.

Er hatte Blumen auf der Brust.

Rote Rosen. Überall.

Blumen für dich,

Nora.

Ein Gedanke zu „Blumen für Nora“

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