6.

Das Buch Stolz und Vorurteil ruhte auf seinem geblähten Bierbauch. Während er las, kaute der alte Mann mit seinen Unterzähnen auf den grauen Barthaaren die über seine Lippe ragten. Die großen Poren auf den Äpfeln seiner Wangen und der Knorpelnase, verfärbten sich fleischig rot und gelb. Eine Wasserwage ragte aus der Latztasche seiner blauen Arbeiterhose. Er blätterte eine Seite, mit Fingern roh wie Sandpapier um. Seine Augen im Glanz eines Verliebten strahlten vor Glück. Er war fast am Ende des Buches.

4.

Das Mädchen lief durch die U-Bahn. Sie war 6 Jahre alt und trug ein karriertes Kleid mit einer zuckerwattefarbenen Felljacke darüber. Sie lief die ganze Strecke des U-Bahnwagons entlang, dann wieder zurück zu ihrer Mutter. Sie fiehl auf. Sie hatte keine Angst, nicht vor der Entfernung zu ihrer Mutter, nicht vor den Menschen in den Gängen. Als die U-Bahn sich durch eine Biegung wand, tauchte sie auf, an einer gelben Metallstange hängend. Sie kletterte daran hinauf, hangelte sich in die Mitte der quer gelgten Strebe. Sie schwang vor und zurück. Eine Akrobatin in der U-Bahn. Sechs, blond, furchtlos.

1.

Wie der löchrige Flaum eines Mäusebauchs, lagen die Haare über ihrem gebräunten Schädel. Beim Kämmen klebten sie, weiß, fast durchsichtig, in der Bürste der alten Frau und sie sammelte sie, jedes einzeln, heraus. Zwischen den Fingern rieb sie ihre Haare vor und zurück. Weich wie der Flaum eines Mäusebauchs, dachte sie.

Sein Preis

Die Wolken über der Stadt trugen Kleider. Rot und lilafarben, gelb, orangen, blau und rosa.

Mit Rüschen und tiefen Krägen. Ihre weiten Säume über den Himmel gefächert.

Die Wolken über der Stadt trugen Kleider, heute.

Ob sie einen Ball veranstalteten?

Er wäre gern eingeladen worden. Zum Tanz der Wolken über seiner Stadt.

In ihren Kleidern und Farben sah er sie vorbeiziehen und trug selbst nur Schwarz.

Schwarze Jeans, schwarzer Pullover, schwarze Stiefel, schwarze Mütze.

Er war froh, dass die Wolken heute kein Schwarz trugen. Die Farben standen ihnen besser.

„Sein Preis“ weiterlesen

Blumen für Nora

Mein Vater mag es nicht, wenn die Vorhänge aufgezogen sind, deshalb ist unsere Wohnung immer dunkel. Nora und ich sind tagsüber nicht Zuhause also ist es in Ordnung.

Mein Vater lässt aber die Stehlampe im Wohnzimmer an, den ganzen Tag und die ganze Nacht.

Wir leben in einem Wohnkomplex mit vielen Menschen und unsere Fenster zeigen alle in den Innenhof. Ich glaube, deshalb hält mein Vater die Vorhänge geschlossen. Vielleicht werden aber auch seine Kopfschmerzen von der Sonne schlimmer.

Ich habe ihn nie gefragt.

„Blumen für Nora“ weiterlesen

Unter den Sternen

Es war Nacht. Der Wald war still.

Robert kickte mit seinem Stiefel einen Holzscheit näher an die Glut des Feuers. Es knisterte und funkte. Die Feuerfeen stoben in die Höhe, den Sternen entgegen, die zwischen den schwarzen Baumwipfeln ihr Lager aufgeschlagen hatten.

Robert seufzte, sah zu ihnen auf. Er hatte tief liegende Augen, große Ohren und ein gespaltenes Kinn. Seine Haut war über die Jahre zu poliertem Leder geworden, Lachen und Weinen unvergessen in sie hinein gedruckt.

„Manchmal“ begann er. „denke ich, der Sinn des Lebens ist es, dem Leben Sinn zu geben.“

„Unter den Sternen“ weiterlesen

Der Fleck

Sie kannte ihn nicht, hatte ihn noch nie gesehen. Den Fleck. Den Fleck auf ihrem Teppich. Er war rot und tief, wie die verseifte Pfütze eines Schlachthofes. In der Mitte dunkler als am Rand. Sie schrie. Wonach wusste sie nicht, doch als ihr Sohn ins Zimmer gestolpert kam, das Gesicht vor Sorge und Überraschung gefüllt mit Os, wusste sie, es war seine Schuld.

„Der Fleck“ weiterlesen