1.456

Regen trommelte gegen das Fenster. Dem quadratischen Guckloch in der Betonwand, dass sie Fenster nannten.

Mirko saß am Bettende auf dem Pfosten des Metallgestells, einen Fuß gegen den Boden gedrückt, den anderen locker geknickt. Er sah hinaus.

Nein, er sah zu den Tropfen, folgte den silbernen Strähnen mit seinen Augen.

Adrig rot und gelb, kakaofarbene Iris.

Vor vielen Jahren waren sie schön anzusehen gewesen. Zum Verlieben. Seine dunklen Augen mit dichten Wimpern. Doch das Leben war hart gewesen und seine Augen waren nun, wie das Fenster, kaum mehr als Gucklöcher.

Grau, klein, trüb.

Mirko hob die Hand und klopfte mit seiner Zeigefingerspitze gegen das Glas. Dickes Glas, festes Glas, mit einem stumpfen Klang. Mirko klopfte noch einmal. Die Tropfen rannen weiter. Der Regen prasselte Pfützen in den Hof. Das Gras lachte, die Erde schlammte.

Unter dem Bett, in einem Schuhkarton lag Mirkos Brille. Hätte er sie aufgehabt, hätte er sie auf und abschreiten sehen können. Die Schemen, Aquarell im Regenschleier.

Neben der Brille, die er zur Sicherheit wegpackte wann immer er konnte, lag eine Sammlung Playmobilfiguren im Karton. Seine Frau hatte sie ihm zugeschoben.

„Mach eine Ecke“, hatte sie gesagt. Gemeint hatte sie, vergiss uns nicht.

Mirko hatte ihnen ‚eine Ecke gemacht‘. Im Schuhkarton.

Zwischen dem Mp3 Player voller Queen und Kopfhörerkabeln, seiner Brille, der Scherbe von einer geplatzten Kachel aus den Waschräumen und einem Notizblock mit Bleistift, hatten sie eine Ecke. Seine Frau hatte Mirko für sich und ihre Söhne drei Figuren gebracht.

Einen abgewetzten Weihnachtsmann, eine Reitlehrerin und einen alten Fischer samt grauem Bart und gestreiften Shirt.

Mirko bastelte sich aus ihnen Erinnerungen.

An seine Jungs und seine Frau. In der Ecke des Schuhkartons.

Für die nächsten vier Jahre, erst einmal.

Es musste reichen.

Ein Gedanke zu „1.456“

  1. VIER JAHRE. aua. das tut weh.
    Eine schwunderhübsche Momentbeschreibung! Ich danke dir, fürs Teilen <3 Mir ist irgendwie vor allem ein Bild von Mirkos Augen im Kopf geblieben.

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